Meniskusriss und Kreuzbandverletzung: Kann der Meniskus von selbst heilen?
Einleitung
Eine Verletzung des vorderen Kreuzbands (ACL) betrifft häufig nicht nur das Kreuzband selbst. Bei einem grossen Teil der Patienten findet sich gleichzeitig eine Verletzung des Meniskus. Für die langfristige Gesundheit des Knies ist es wichtig, möglichst viel Meniskusgewebe zu erhalten.
Doch muss ein verletzter Meniskus bei einer Kreuzbandoperation immer genäht oder teilweise entfernt werden?
Eine neue grosse Studie zeigt, dass bestimmte Meniskusverletzungen tatsächlich spontan heilen können. Besonders interessant ist dabei der Zeitpunkt der Kreuzbandoperation: Einige Wochen abzuwarten könnte bestimmten Meniskusverletzungen die notwendige Zeit geben, um sich selbst zu stabilisieren.
Studienergebnisse / Erklärung
Die Forscher untersuchten 2 723 Patienten mit Kreuzbandriss, die zwischen 2020 und 2023 operiert wurden. Insgesamt wurden 3 562 Meniskusverletzungen analysiert.
Vor der Operation wurden die Verletzungen mittels MRI beurteilt. Während der späteren Kreuzbandoperation konnte der Meniskus direkt arthroskopisch untersucht werden. So liess sich feststellen, ob eine zuvor sichtbare Verletzung inzwischen spontan verheilt war.
Die Patienten wurden ausserdem danach eingeteilt, wie viel Zeit zwischen Verletzung und Kreuzbandoperation vergangen war.
Die wichtigsten Ergebnisse
Die Heilungschancen waren nicht bei allen Meniskusverletzungen gleich.
Besonders der laterale Meniskus, also der Meniskus an der Aussenseite des Knies, zeigte ein deutlich besseres spontanes Heilungspotenzial als der mediale Meniskus auf der Innenseite.
Insgesamt heilten:
etwa 7 % der lateralen Meniskusverletzungen
gegenüber nur etwa 1 % der medialen Meniskusverletzungen
spontan vollständig ab.
Noch interessanter war jedoch der Einfluss des Zeitpunkts.
Die höchste spontane Heilungsrate wurde beobachtet, wenn die Kreuzbandoperation ungefähr 8 bis 12 Wochen nach der Verletzung durchgeführt wurde.
In diesem Zeitraum waren etwa 16 % der lateralen Meniskusverletzungen bei der Operation bereits verheilt.
Bei bestimmten Verletzungen waren die Zahlen sogar deutlich höher: Bei longitudinalen Verletzungen im hinteren Bereich des lateralen Meniskus wurden in diesem Zeitfenster Heilungsraten von rund 34 % beobachtet.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Meniskusriss einfach drei Monate unbehandelt bleiben sollte.
Warum kann ein Meniskus überhaupt von selbst heilen?
Der Meniskus ist keine vollständig schlecht durchblutete Struktur.
Besonders seine äusseren Bereiche verfügen über eine bessere Blutversorgung. Dort bestehen deshalb bessere biologische Voraussetzungen für eine Heilung.
Auch die Form der Verletzung spielt eine Rolle.
In dieser Studie zeigten vor allem:
longitudinale Verletzungen
bestimmte radiale Verletzungen
Verletzungen des hinteren Bereichs des lateralen Meniskus
ein vergleichsweise gutes Heilungspotenzial.
Horizontale Verletzungen heilten dagegen nur sehr selten spontan.
Deshalb ist die Aussage „ein Meniskusriss kann von selbst heilen“ zwar richtig, aber zu allgemein. Entscheidend ist immer, welcher Meniskus betroffen ist, wo die Verletzung liegt und um welchen Riss-Typ es sich handelt.
Muss eine Kreuzbandoperation deshalb immer aufgeschoben werden?
Nein.
Die Studie liefert interessante neue Informationen für die Planung einer Kreuzbandoperation, beweist aber nicht, dass eine Operation grundsätzlich nach 8 bis 12 Wochen stattfinden sollte.
Bei geeigneten Patienten könnte dieses Zeitfenster jedoch Vorteile haben.
Die Forscher fanden, dass die spontane Heilung in den ersten Wochen zunahm und ungefähr zwischen 8 und 12 Wochenihren Höhepunkt erreichte. Danach nahm die Heilungsrate wieder ab.
Ein zu langes Abwarten ist ebenfalls nicht unbedingt sinnvoll. Ein instabiles Knie kann wiederholt wegknicken und dadurch Meniskus und Knorpel zusätzlich belasten.
Der optimale Zeitpunkt muss deshalb individuell entschieden werden.
Wann kann Abwarten sinnvoll sein?
Ein etwas späterer Operationstermin kann besonders interessant sein, wenn:
das Knie im Alltag relativ stabil ist
keine ausgeprägten mechanischen Blockaden bestehen
die Meniskusverletzung ein gutes Heilungspotenzial besitzt
keine dringende Rückkehr zum Wettkampfsport notwendig ist
während dieser Zeit eine strukturierte Rehabilitation durchgeführt wird
Gerade die Wochen zwischen Verletzung und Operation sollten deshalb nicht als reine Wartezeit verstanden werden.
Eine gezielte Prehabilitation kann genutzt werden, um Beweglichkeit, Muskelkraft und Kontrolle des Knies wieder aufzubauen.
Häufige Irrtümer bei Meniskus- und Kreuzbandverletzungen
„Ein gerissener Meniskus kann niemals von selbst heilen.“
Das stimmt nicht. Bestimmte Meniskusverletzungen besitzen ein relevantes spontanes Heilungspotenzial.
„Wenn im MRI ein Meniskusriss sichtbar ist, muss er bei der Operation behandelt werden.“
Nicht zwingend. Zwischen dem MRI und der Operation können Wochen vergehen. Die Studie zeigt, dass einige Verletzungen bei der späteren Arthroskopie bereits vollständig verheilt waren.
„Je schneller das Kreuzband operiert wird, desto besser.“
Auch das lässt sich nicht pauschal sagen. Der optimale Zeitpunkt hängt von mehreren Faktoren ab. Bei bestimmten Meniskusverletzungen könnte etwas mehr Zeit die spontane Heilung begünstigen.
„Dann sollte man mit der Operation einfach möglichst lange warten.“
Nein. Auch sehr langes Abwarten kann Nachteile haben, insbesondere bei einem instabilen Knie. In dieser Studie nahm das spontane Heilungspotenzial nach ungefähr drei Monaten wieder ab.
So können Sie die Zeit vor einer Kreuzbandoperation sinnvoll nutzen
Nach einer akuten Kreuzbandverletzung ist eine gute Vorbereitung auf die weitere Behandlung wichtig.
Ziele der Physiotherapie können sein:
Schwellung reduzieren
vollständige Kniestreckung wiederherstellen
Beweglichkeit verbessern
Oberschenkelmuskulatur aktivieren und kräftigen
normales Gangbild wiedererlangen
Stabilität und Kontrolle verbessern
körperliche Fitness soweit möglich erhalten
Ob und wann eine Operation sinnvoll ist, sollte gemeinsam mit dem behandelnden Orthopäden und Physiotherapeuten entschieden werden.
Was bedeutet die Studie für Patienten?
Die wichtigste Botschaft ist nicht, dass Kreuzbandoperationen grundsätzlich verschoben werden sollten.
Die Studie zeigt vielmehr, dass Meniskusverletzungen differenzierter betrachtet werden müssen.
Ein Meniskusriss ist nicht gleich ein Meniskusriss.
Bei einem Patienten mit stabilem Knie und einer Meniskusverletzung mit guten biologischen Heilungschancen kann es sinnvoll sein, die ersten Wochen für Rehabilitation zu nutzen und den Operationszeitpunkt sorgfältig zu planen.
Dadurch könnte in manchen Fällen vermieden werden, dass der Meniskus während der Kreuzbandoperation zusätzlich operiert werden muss.
Fazit
Bestimmte Meniskusverletzungen, die gemeinsam mit einem Kreuzbandriss auftreten, können spontan heilen.
Besonders gute Heilungschancen zeigte in dieser grossen Studie der laterale Meniskus, insbesondere bei longitudinalen und bestimmten radialen Verletzungen im hinteren Bereich.
Das interessanteste Zeitfenster lag ungefähr 8 bis 12 Wochen nach der Verletzung.
Die Ergebnisse sprechen jedoch nicht für ein pauschales Abwarten. Art und Lage der Meniskusverletzung, Stabilität des Knies, sportliche Ziele und individuelle Situation müssen berücksichtigt werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Wann soll das Kreuzband operiert werden?“, sondern auch: „Welche Strukturen könnten von etwas mehr Zeit und einer guten Rehabilitation profitieren?“
Quellen
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