Mehr Bewegung im Alltag: Warum körperliche Aktivität Teil jeder Behandlung sein sollte
Einleitung
Wir wissen alle, dass Bewegung gesund ist. Trotzdem bewegen sich viele Menschen im Alltag zu wenig – oft ohne genau zu wissen, wie viel Bewegung eigentlich empfohlen wird oder wie sie diese realistisch in ihren Alltag integrieren können.
Gerade bei gesundheitlichen Beschwerden konzentriert man sich häufig auf das aktuelle Problem: das schmerzende Knie, den Rücken, den Blutdruck oder eine andere Erkrankung. Die allgemeine körperliche Aktivität wird dabei schnell vergessen.
Der neue internationale ACTIVATE-Konsensus möchte genau das ändern.
Die zentrale Botschaft ist einfach:
Körperliche Aktivität sollte in der medizinischen und physiotherapeutischen Betreuung genauso selbstverständlich thematisiert werden wie andere wichtige Gesundheitsfaktoren.
Was ist der ACTIVATE-Konsensus?
ACTIVATE ist eine internationale Initiative, die von der International Federation of Sports Physical Therapy ins Leben gerufen wurde.
Für den Konsensus arbeiteten 27 Experten aus 13 verschiedenen Ländern zusammen. Neben Physiotherapeuten und Ärzten waren Fachpersonen aus unterschiedlichen Gesundheitsbereichen sowie Patientenvertreter beteiligt.
Die Forscher wollten drei praktische Fragen beantworten:
Wie können Gesundheitsfachpersonen körperliche Aktivität einfach erfassen?
Wie sollte Bewegung individuell empfohlen und dosiert werden?
Wie können Patienten dabei unterstützt werden, langfristig aktiver zu werden?
Das Ergebnis ist keine neue komplizierte Trainingsmethode, sondern eine praktische Empfehlung für den medizinischen Alltag.
Was empfiehlt der Konsensus?
1. Körperliche Aktivität regelmässig erfassen
Die erste Empfehlung klingt selbstverständlich, wird im Gesundheitswesen aber noch nicht konsequent umgesetzt:
Wir sollten wissen, wie viel sich ein Patient tatsächlich bewegt.
Dabei geht es nicht nur um Sport.
Auch folgende Aktivitäten zählen:
zu Fuss zur Arbeit gehen
Velofahren
Spaziergänge
Gartenarbeit
Treppensteigen
körperlich aktive Arbeit
Fitness- oder Krafttraining
Wandern
Sport
Eine kurze Befragung kann bereits helfen, das Aktivitätsniveau einzuschätzen.
Diese Information sollte anschliessend genauso dokumentiert werden wie andere relevante Gesundheitsinformationen.
2. Bewegung sollte konkret empfohlen werden
«Sie sollten sich mehr bewegen» ist zwar gut gemeint, aber für viele Menschen wenig hilfreich.
Was bedeutet «mehr»?
Der ACTIVATE-Konsensus empfiehlt deshalb, körperliche Aktivität möglichst individuell und konkret zu verschreiben.
Dabei sollten beispielsweise berücksichtigt werden:
aktuelles Aktivitätsniveau
Alter
Gesundheitszustand
körperliche Möglichkeiten
persönliche Ziele
bisherige Erfahrungen mit Sport
Interessen und Vorlieben
mögliche Hindernisse im Alltag
Das Ziel ist nicht, aus jedem Patienten einen Sportler zu machen.
Es geht darum, eine Form von Bewegung zu finden, die gesundheitlich sinnvoll und langfristig realistisch ist.
Wie viel Bewegung wird empfohlen?
Als Orientierung dienen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Für Erwachsene werden pro Woche ungefähr:
150 bis 300 Minuten Bewegung mit moderater Intensität
oder
75 bis 150 Minuten intensive körperliche Aktivität
empfohlen.
Zusätzlich sollte an mindestens zwei Tagen pro Woche Krafttraining für die grossen Muskelgruppen durchgeführt werden.
Bei älteren Menschen spielen zusätzlich Gleichgewicht und funktionelles Training eine wichtige Rolle.
Das klingt zunächst nach viel.
Doch diese Minuten müssen nicht auf einmal absolviert werden.
Spaziergänge, Velofahrten, Sport und andere Aktivitäten können über die gesamte Woche verteilt werden.
Und besonders wichtig:
Auch weniger Bewegung ist besser als keine Bewegung.
Warum ist körperliche Aktivität so wichtig?
Regelmässige Bewegung beeinflusst nicht nur Muskeln und Gelenke.
Sie wirkt auf praktisch den gesamten Körper.
Körperliche Aktivität kann unter anderem:
Herz und Kreislauf stärken
Muskelkraft erhalten und verbessern
die körperliche Belastbarkeit erhöhen
das Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen reduzieren
Gleichgewicht und Koordination verbessern
das Risiko für Stürze im Alter reduzieren
Schlaf und psychisches Wohlbefinden verbessern
dabei helfen, länger selbstständig und aktiv zu bleiben
Deshalb sollte Bewegung nicht nur als Sport betrachtet werden.
Sie ist ein wichtiger Bestandteil unserer allgemeinen Gesundheit.
Wann ist mehr Bewegung besonders sinnvoll?
Grundsätzlich profitieren fast alle Menschen von regelmässiger körperlicher Aktivität.
Besonders wichtig ist sie jedoch bei:
Bewegungsmangel
sitzender Tätigkeit
chronischen Rücken- oder Gelenkbeschwerden
Arthrose
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Diabetes
zunehmendem Alter
Verlust von Muskelkraft oder körperlicher Leistungsfähigkeit
Auch während einer physiotherapeutischen Behandlung sollte deshalb nicht nur die schmerzhafte Körperregion betrachtet werden.
Ein Patient mit Knieschmerzen braucht beispielsweise möglicherweise gezielte Übungen für sein Knie – gleichzeitig kann es sinnvoll sein, seine gesamte körperliche Aktivität zu erhöhen.
Häufige Irrtümer über körperliche Aktivität
«Nur Sport zählt als Bewegung.»
Nein.
Spazieren, Velofahren, Treppensteigen oder körperliche Arbeit können einen wichtigen Beitrag zur täglichen Aktivität leisten.
«Wenn ich keine 150 Minuten pro Woche schaffe, bringt es nichts.»
Falsch.
Jede zusätzliche Bewegung ist sinnvoll. Besonders bei bisher inaktiven Menschen können bereits kleine Veränderungen einen wichtigen Unterschied machen.
«Ich muss intensiv trainieren, damit Bewegung gesund ist.»
Nein.
Moderate körperliche Aktivität bietet bereits zahlreiche gesundheitliche Vorteile.
«Mit Arthrose oder Rückenschmerzen sollte ich mich weniger bewegen.»
In den meisten Fällen ist genau das Gegenteil sinnvoll.
Die Belastung muss möglicherweise angepasst werden, aber langfristige Inaktivität führt häufig zu einem weiteren Verlust von Kraft und Belastbarkeit.
So können Sie mehr Bewegung in Ihren Alltag integrieren
Mehr Bewegung muss nicht bedeuten, dass Sie ab morgen fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio gehen.
Beginnen Sie mit realistischen Veränderungen.
Zum Beispiel:
einen Teil des Arbeitswegs zu Fuss gehen
häufiger das Velo benutzen
Treppen statt Lift nehmen
täglich einen kurzen Spaziergang einplanen
Telefonate im Gehen führen
zweimal pro Woche Krafttraining einbauen
am Wochenende wandern oder eine längere Velotour machen
Entscheidend ist nicht die perfekte Trainingsform.
Entscheidend ist, dass Bewegung regelmässig und langfristig Teil des Alltags wird.
Warum reicht eine einmalige Empfehlung oft nicht aus?
Ein weiterer wichtiger Punkt des ACTIVATE-Konsensus ist die regelmässige Nachkontrolle.
Verhaltensänderungen sind schwierig.
Ein Patient kann nach einer Beratung hochmotiviert sein und trotzdem einige Wochen später wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen.
Deshalb sollten Gesundheitsfachpersonen regelmässig nachfragen:
Wie viel Bewegung konnte umgesetzt werden?
Was hat gut funktioniert?
Wo gab es Schwierigkeiten?
Muss das Ziel angepasst werden?
Hilfreich können auch konkrete Strategien sein, beispielsweise persönliche Ziele, das Dokumentieren der eigenen Aktivität oder ein Schrittzähler.
Es geht nicht darum, Patienten zu kontrollieren.
Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu finden, die im wirklichen Leben funktionieren.
Was bedeutet das für die Physiotherapie?
Physiotherapie sollte nicht nur behandeln, wo es gerade weh tut.
Sie bietet auch die Möglichkeit, Menschen langfristig dabei zu unterstützen, körperlich aktiver und belastbarer zu werden.
Eine moderne physiotherapeutische Behandlung kann deshalb mehrere Ebenen kombinieren:
Behandlung des aktuellen Problems
gezieltes Kraft- und Bewegungstraining
Aufbau der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit
Beratung zur körperlichen Aktivität
Unterstützung bei der langfristigen Umsetzung
Damit wird aus einer kurzfristigen Behandlung gleichzeitig eine Investition in die langfristige Gesundheit.
Fazit
Der ACTIVATE-Konsensus macht aus einer bekannten Empfehlung eine konkrete Aufgabe für das Gesundheitswesen:
Körperliche Aktivität sollte erfasst, individuell empfohlen und regelmässig begleitet werden.
Dabei muss niemand von heute auf morgen zum Leistungssportler werden.
Schon kleine Veränderungen können ein guter Anfang sein. Entscheidend ist, eine Form von Bewegung zu finden, die zum eigenen Körper, zum Alltag und zu den persönlichen Zielen passt.
Denn Bewegung ist nicht nur Teil einer Rehabilitation.
Sie ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesundheit.
Quellen
Bricca A, Aadahl M, Skou ST, Thornton JS, Bandholm T, Midtgaard J, et al.
ACTIVATE: physical activity assessment, prescription and promotion in clinical practice by healthcare professionals – a consensus study initiated by the International Federation of Sports Physical Therapy.
British Journal of Sports Medicine. 2026;60(9):629–639.
doi:10.1136/bjsports-2025-110242.Saint-Maurice PF, Graubard BI, Troiano RP, et al.
Estimated Number of Deaths Prevented Through Increased Physical Activity Among US Adults.
JAMA Internal Medicine. 2022;182(3):349–352.
doi:10.1001/jamainternmed.2021.7755.